Woche für Woche

Es ist Sonntag. Albert blinzelt unter der Bettdecke hervor und muss kurz überlegen, welcher Tag wirklich ist. Das passiert ihm in letzter Zeit öfter, seitdem er nun auch samstags arbeitet. Dann weiß er sonntags immer nie, ob schon Montag ist oder doch vielleicht erst Samstag. Aber den Sonntag nimmt ihm keiner. Wer auch? Albert richtet sich langsam in seinem Bett auf und spürt seinen Rücken. Ja, es muss in der Tat Sonntag sein, denkt er, denn die Kreuzschmerzen hat er unter der Woche nie. Geht ja auch gar nicht. Wer früh raus muss, hat eher die Stechuhr im Nacken als ein Stechen im Rücken.
Heute kann Albert es eher geruhsam angehen, weil das Leben doch so schön ist und zusätzlich auch die Sonne scheint. Das tat sie an den vergangenen Sonntagen eher nicht. Albert stutzt: Wann hat sie überhaupt richtig geschienen in den letzten Wochen? Er kann sich nicht erinnern, denn das Neonlicht der Werkshalle, in welcher er seinen Stapler fährt, macht ihm einen Strich durch sein Erinnerungsvermögen. Na ja, denkt Albert, ist jedenfalls ein gutes Zeichen für den Tag. Er schaut zur Uhr. Erst 9 Uhr und viel Zeit fürs Frühstück. Los muss Albert an diesem Tag auch, aber erst gegen Nachmittag.

Er steht auf und beginnt seine Morgentoilette – wie jeden Morgen natürlich, nur gemächlicher und dafür gründlicher. Muss ja auch. Denn heute ist kein gewöhnlicher Sonntag. Albert schaut in den Spiegel und mustert sich inklusive seiner Pölsterchen und Fältchen, um sie noch akzeptabel zu finden. Lediglich die langsam lichter werdende Stelle auf dem Kopf macht ihm etwas Sorgen, und mit einem Kamm versucht er, die umliegenden Haare gleichmäßig darüber zu verteilen. Na, geht doch für einen Fünfziger. Daran soll es nicht liegen, und außerdem soll Kahlköpfigkeit ja ein Zeichen für Männlichkeit sein. Albert ist ein ganzer Mann.
Sorgfältig bereitet er ein ausgiebiges Frühstück vor, er zelebriert es sozusagen – mit gedecktem Tisch, schönem Porzellan und ausschließlich Markenlebensmitteln. Alles vom Feinsten und reichlich. Geldprobleme hat er nämlich keine, jedenfalls nicht, solange er Doppelschichten macht und samstags arbeitet. Er hat ja Zeit genug dafür. Wie sagt sich Albert immer: Kein gesichertes Auskommen, aber es ist da. Der Kaffee duftet, die Brötchen sind frisch, und die kleine Kerze, die er sich regelmäßig auf dem Tisch entzündet, ist jedes Mal neu und rot. Rot wie die Liebe, denkt Albert und gerät in verlegenes Schwärmen.

Bis zum frühen Nachmittag ist es noch etwas Zeit, die genutzt werden muss, denn wenn Albert am Abend zurückkehrt, möchte er in ein ordentliches Heim kommen und sich nicht blamieren müssen. Das kann man ja niemandem anbieten, murmelt er vor sich hin, als er diverse kleinere Unordnungen behebt. Schnell noch saugen und durchlüften, dann gibt es keinen Grund zur Beschwerde, denkt er sich. Zum Schluss deckt er noch den Tisch für das Abendessen. Mit Tischdecke natürlich. Die vom Vormittag hat sogar das Frühstück fleckenlos überstanden und muss nicht ausgetauscht werden. Prima. Noch das zweite Gedeck darauf, und fertig.
Der Sitz im Bus ist schön weich, fast so wie der auf dem Stapler, was ja gar nicht so gut sein soll, wie der Arzt einmal sagte. Aber irgendwie fährt ja das Glück heute mit, und alleine der Gedanke an das, was kommt, lässt den Schmerz im Rücken weit in den Hintergrund treten. Und dann dieser klare, sonnenreiche Himmel … das kann ja nur gut gehen. Albert spürt während der Fahrt zum Flughafen eine wohlige, kurze Herzenswärme und würde am liebsten die ganze Welt umarmen. Ein kleines Glück eben.

Am Terminal angekommen, spaziert er direkt in den kleinen Blumenladen in der Nähe der Ankunftshalle für Passagiere. Die ältere Dame hinter der Kasse tritt ihm freundlich lächelnd entgegen, als ob er ein ganz besonderer Gast sei.

„Eine Rose soll es sein, der Herr? … Eine rote sicherlich.“
Ohne Alberts Antwort abzuwarten, zupft die Frau ein besonders schönes Röschen aus dem Strauss auf dem Tresen und überreicht sie ihm.
„Ja natürlich, eine rote, vielen Dank“, lächelt er der zuvorkommenden Verkäuferin zu und bezahlt seine Blume.
Albert nimmt auf einer Bank hinter den anderen stehenden Menschen vor der Schiebetür des Passagierausganges Platz. Er mag keine Aufläufe dieser Art und sich erst recht nicht dazwischen mengen. Dort, wo er sitzt, wird er zwar nicht sofort bemerkt, aber dann ist die Überraschung größer, denkt Albert und begutachtet seine Rose, an welcher er immer mal wieder verliebt schnuppert. Er wartet.

Es passiert etwas. Die große Schiebetür öffnet sich und zwischen den Beinen der anderen hindurch erkennt Albert die ersten Passagiere der eben gelandeten Flieger. Begrüßungen, Umarmungen, ja sogar ein paar Tränen kann er in der Menge ausmachen, die mit jedem herauskommenden Ankömmling lichter zu werden scheint. Albert schaut hinter ihnen her, wie sie scheinbar doch alle mehr oder wenig glücklich das Flughafengebäude verlassen. Er blickt wieder nach vorne. Nur noch vereinzelt entlässt die Schiebetür jetzt letzte versprengte Nachzügler. Fast alle Wartenden aufgebraucht, denkt er; die da jetzt noch stehen, sind schon für die nächsten Flüge da.
Albert nimmt einen tiefen Atemzug aus der Blüte seiner Rose und zieht seufzend seine Augenbrauen hoch. Sein erwartungsvoller Gleichmut weicht einem eher ernüchterten Gesichtsausdruck. Der 50-jährige erhebt sich langsam und schlendert zum Informationsschalter. Die junge Stewardess dahinter schaut ihn genau so freundlich an wie die Dame im Blumengeschäft jedoch mit einem Hauch Mitleid im Blick.
„Für Sie … mal wieder.“, meint Albert mit einem weiteren Seufzer und reicht ihr die Rose. „Na ja, … am Sonnenschein hat es jedenfalls dieses Mal nicht gelegen. Einen schönen Feierabend Ihnen noch.“

Draußen wartet der Bus, der die Reisenden zurück in die Stadt bringen soll. Es ist diesig geworden, und die Sonne hält sich hinter den Schleiern eher bedeckt. Albert spürt ein leichtes Stechen im Rücken, als er die Ankunftshalle verlässt und in den Himmel schaut. „Also doch die Sonne“, meint er leise vor sich hin und steigt ein.