Textauszug

... Auf dem Fußweg von der Bushaltestelle zu Victorias Haus machte ich zunächst noch einen Abstecher an den Edsviker See, wo Victoria und ich immer Arm in Arm saßen, und schaute auf das Wasser. Ich erinnerte mich, wie sie sich bei mir zum ersten Mal fröstelnd einhakte, wie wir dort Hände haltend spazieren gingen, und wie wir Diskussionen über Beziehungen und Entscheidungen führten. Ich dachte daran, wie wir dort auf der Bank lange Gespräche hatten, zusammen lachten und auch manches Mal weinten, und als die Erinnerung an all die schönen Momente unseres Zusammenseins wie ein Film vor meinen Augen ablief, war ich den Tränen sehr nahe. All das wurde in meiner Erinnerung wach, als wenn es eben erst geschehen wäre.

Endlich kam ich an ihrem Haus an. Es sah wie immer aus.  Nur die Rollos waren von innen heruntergelassen und zeigten an, dass wohl zur Zeit niemand dort wohnte. Auch der Garten war noch immer unaufgeräumt. Bei dem Gedanken an den Garten erinnerte ich mich dann, dass Victoria mir sagte, dass sie im Sommer hier Urlaub machen  und sich um diesen kümmern wolle. Das gab mir ein wenig Hoffnung, da sie  früher oder später hier wieder auftauchen würde; aber wäre dann noch alles wie jetzt? Vielleicht hätte sie sich bis dahin endgültig für ihre Ehe entschieden, und vielleicht hätte sie mich bis dahin, wenn nicht vergessen, aber immerhin soweit verdrängt, dass der Gedanke an mich sie nicht mehr schmerzte. Vielleicht galt dann aber auch dasselbe für mich, und ich würde Victoria im Laufe der Monate weniger lieben und sie mehr und mehr vergessen können und im Sommer kaum noch einen Gedanken an sie verschwenden. Ich müsste also im Prinzip nur die Zeit abwarten, dann würde der emotionale Schmerz von selbst verschwinden und ich würde andere Dinge tun oder vielleicht sogar jemanden anderen kennen lernen, denn der Beziehung zu Caroline gab ich keine Chance mehr. Warum machte ich dann also jetzt noch diese Anstrengungen, um mit Victoria in Kontakt zu treten? Warum marterte ich mein Hirn mit der Frage, wie ich sie zurückgewinnen könne, wenn die Zeit meine Gefühlswunde sowieso heilen würde. Ich war doch sonst auch ein Meister im Abwarten. Nein, dachte ich, hier geht es nicht nur darum, schmerzhafte Emotionen nicht mehr zu spüren, sondern es geht darum, eine Chance zu nutzen, vielleicht die Chance meines Lebens, die Chance die Frau zu lieben, die man wirklich lieben will und die einem kein zweites Mal über den Weg läuft.  Und damit konnte ich nicht  bis zum Sommer  warten, bis dahin wären die Würfel gefallen. Wenn ich sie zurückgewinnen wollte, und ich merkte mehr und mehr, wie dieser Wille in mir stärker wurde, dann müsste es bald geschehen. Die Entscheidung, die Victoria für sich und damit auch für mich getroffen hatte, war eine klare Kopfentscheidung, da war ich mir sicher. Obwohl ich diese zu akzeptieren hatte, weil sie sie nun einmal so getroffen hatte, obwohl ich mich selber bemühte, Verständnis dafür aufzubringen, warum sie sie getroffen hatte, und obwohl ich auch für mich selbst versuchte, vom Kopf her zu erklären, warum es für uns alle das beste so wäre,  sprach mein Herz eine ganz andere Sprache...