Textauszug
... Mit dem Wetter hatten wir Glück, es war warm, für Osloer Verhältnisse sogar ziemlich warm. Ganze 25 Grad zeigte das alte Thermometer an der Häuserwand an, die bei näherer Betrachtung auch mal wieder einen Anstrich benötigt hätte. Hier und da sah man Pers Versuche, dies zu tun, aber es fehlte ihm anscheinend die Zeit und oder das Geld dazu. Die Einfachheit, in der die beiden hier draußen lebten, konnte für Außenstehende den Eindruck der Armut erwecken. Aber sie fühlten sich, so glaubte ich, nicht arm, im Gegenteil, sie schienen zufrieden, so wie sie lebten, und die Tatsache, dass Anna eine gebrauchte Uhr als Geburtstagsgeschenk erhielt und ihr Kuchen nicht sehr professionell aussah, mit Kerzen, die offenbar schon bei der letzten Geburtstagstorte ihren Dienst verrichteten, störte scheinbar niemanden. Es war die Art, wie sie miteinander umgingen, und wie Per sich um seine Nichte bemühte, was ihre Zufriedenheit im Leben ausmachte. So dachte ich mir einen Augenblick, dass es vielleicht nicht richtig wäre, Anna – wie Per es sagen würde – verrückte Ideen ins Ohr zu setzen und sie damit aus ihrem jetzigen Leben herauszureißen. So blieben ihr eventuelle Desillusionierungen erspart. Ich überlegte, ob ich mir nicht ein Beispiel daran nehmen sollte, und genauso zufrieden in Cuxhaven hätte leben können, mit meinem dortigen Umfeld, mit Wiebke und ihren Freunden, ihren Eltern und unserem gemeinsamen Leben. Dann wären mir vielleicht auch zukünftige Enttäuschungen des Lebens erspart geblieben. Aber trotzdem glaubte ich an die Legitimation von Träumen und Wünschen im Leben eines Menschen, auch in dem von Anna und mir, die es uns erst ermöglichen, hinter unseren Horizont zu blicken und uns weiter zu entwickeln. Und hier galt es, die Waage zu halten, die Balance zwischen der Stabilisierung im eigenen Leben, ohne unglücklich zu stagnieren, und der realen Möglichkeit, sich daraus weiterzuentwickeln, ohne Illusionen hinterher zu eifern und dabei die Stabilität des eigenen Lebens zu gefährden. Die Gefahr des Letzteren schien dabei ein wenig auf mich zuzutreffen, und ich nahm mir vor, Anna nur insoweit aus ihrem jetzigen Leben zu entführen, wie sie es für sich mochte, auch wenn mir ihre Sehnsucht nach dem Horizont grenzenlos schien...